Wärmedämmung-Der Wahnsinn geht weiter


Stellungnahme per E-Mail von Herrn Dipl.-Ing. Ronny Meyer zu dem Fernsehbeitrag des NDR  

„Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter“ vom 26.11.2012 

 

Herr Dipl.-Ing. Ronny Meyer hat an der TU in Darmstadt
Bauingenieurwesen studiert. Während seines Studiums baute er
sein erstes Haus in Selbsthilfe, weitere Wohnhäuser folgten, die
Meyer als Planer und Bauleiter betreute. Seit 1992 hat er 12 Bücher
zu den Themen „optimiertes Planen“ und „preiswertes Bauen“
verfasst. Kontinuierlich erscheinen von ihm Beiträge in allen
größeren Baufachzeitschriften. Bei Fachseminaren ist er ein
willkommener Referent, im Fernsehen ist er ein kompetenter
Interviewpartner und Moderator. 

 

Der Wahnsinns-Journalismus geht weiter
Die Bildzeitung steht als Synonym für Krawall-Schlagzeilen und die meisten
Menschen schmunzeln sehr oft darüber, wenn mal wieder eine Bild-Titelseite unsere
volle Aufmerksamkeit bekommt, weil sie einfach sehr gut gemacht ist. Den Bild-Titel
“Wir sind Papst” kennt jeder. Dass jedoch das genaue Gegenteil der Fall ist (keiner
von uns ist Papst), weiß auch jeder. Aber es ist, wie es ist: Ein guter Titel, ein
spektakuläres Bild hebt die Quote beim Fernsehen, erhöht die Verkaufszahlen von
Zeitungen. Gute Journalisten produzieren gute Schlagzeilen.
“Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter” hieß gestern Abend der Teil 2 eines
NDR-Beitrages, der erneut beweisen wollte, dass wir dringend die Finger von
Wärmedämmverbundsystemen aus Polystyrol lassen sollten. Schon vor einem
Jahr wurde unter dem Titel “Wahnsinn Wärmedämmung” dieselbe Aussage lautstark
in Szene gesetzt: Wärmedämmung aus Polystyrol brennt so schnell, dass alle, die in solchen gedämmten Häusern wohnen, ab sofort in Angst und Schrecken leben: “An vielen Wänden tickt eine Zeitbombe”. Wer solche Sätze in eine Reportage einwebt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es hier nicht um vernünftige Aufklärung, sondern eben nur um Quote geht.  

 

Jetzt haben wir also auch schon den Sensations-Journalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Meine Rundfunkgebühren würde ich gerne auf einer sachlichen Ebene eingesetzt sehen. Gerne pro und contra. Aber bitte nicht nur contra. Es fällt schwer, auf die Flut der dramatisch inszenierten und mit polemischen Zitaten garnierten Bilder von brennenden Fassaden sachlich zu antworten. Eines vorab klargestellt: Jeder einzelne Wohnhausbrand ist dramatisch und soll nicht klein
geredet werden. Doch wenn man schon die zehn oder zwanzig Brände von
Fassaden, die mit Polystyrol gedämmt wurden, auflistet, sollte man auch aufzeigen,
dass es den Anwendungstechnikern, Produktentwicklern, Architekten und
Ingenieuren gelungen ist, eben die Anzahl der Brände winzig klein zu halten.
Konkret: In Deutschland brennt es laut Statistik rund 200.000 mal im Jahr. Zehn
Brände pro Jahr sind gerade mal 0,005 Prozent. Vermutlich ist das Risiko, vom Blitz
getroffen zu werden, größer.

Die NDR-Redakteure, die sowohl für die Sendung vor einem Jahr als auch für die
gestrige Sendung verantwortlich sind, haben sich nun geoutet: Sie wollen
buchstäblich eine Fackel in Richtung energetische Modernisierung werfen. Der
Grund dafür bleibt schleierhaft. Da ich selbst über 200 TV-Beiträge gemacht habe,
weiß ich, wie Fernsehen funktioniert. Stellen Sie sich mal Folgendes vor: Eine
Bausituation, bei der alles schief läuft: Die abgehängte Decke kommt runter, die
Türzarge fällt auseinander, die Wasserleitung platzt. Eine Szene wie bei Dick und
Doof. Im Raum stehen fünf nachdenkliche Handwerker. Die Sprecherstimme sagt:
“Die Deppen vom Bau haben mal wieder ganze Arbeit geleistet”. Wir sitzen vorm
Fernseher und kichern uns einen, während wir einen Schluck aus der Pulle nehmen.
Und jetzt ACHTUNG: Stellen Sie sich bitte folgenden, anderen Satz vor, den die
Sprecherstimme sagt: “Da stehen Sie nun, die Vollprofis vom Bau, die dieses Chaos
in nur einer Stunde sortiert und spätestens am nächsten Tag beseitigt haben.” Wir
würden diese Mannschaft bewundern, wären gerne ein Teil dieser starken Truppe.
Welche Macht doch so eine Sprecherstimme hat. Sie ist stärker als das Bild, das wir sehen. 

 

Zurück zum Wahnsinn Wärmedämmung: In dem Film gestern wurden viele bereits
gesendete Bilder aus dem ersten Teil gezeigt. Ja, ist denn zwischenzeitlich nichts
mehr passiert? Gut, es gab einen neuen Brand am 29. Mai 2012. Aber hätte da die
Sprecherstimme nicht sagen sollen, dass dieser Brand zwar sehr dramatisch war,
aber es waren eben nicht hunderte oder tausende Brände – es war EIN Brand.
Wieviele Verkehrsunfälle und Massenkarambolagen gab es in den vergangenen
zwölf Monaten? Eine, zwei D? Das Auto abschaffen, weil es eine Zeitbombe ist? 

 

Für mich war der Beitrag ein Werbefilm für und nicht gegen
Wärmedämmverbundsysteme aus Polystyrol. Ich bin gestern Abend mit der
Gewissheit schlafen gegangen, dass die Entscheidung, dass ich mein Haus mit
Polystyrol-Dämmplatten gedämmt habe, richtig war. Nicht nur, dass ich sehr viel
Energie spare und meinen Teil zum Klimaschutz beitrage, nicht nur, dass ich seit der Dämmmaßnahme in einem sehr behaglichen Haus wohne, in dem ich auch nach
intensiver Suche keinen Schimmel finden kann. Zusätzlich weiß ich auch, dass die
neuerdings oftmals hochgekochte Diskussion um die “Brandgefährlichkeit” von
Dämmplatten tatsächlich Stimmungsmache von Einzelnen ist. Genauso wenig wie
wir Papst sind, leben wir in brandgefährlichen Häusern.
Ich habe kürzlich “Upps, die Pannenshow” gesehen: Da ist bei Tante Marthas
siebzigstem Geburtstag der festlich gedeckte Tisch zusammengebrochen und der
Hund, der eigentlich ein Kunststück vorführen sollte, ist in der Torte gelandet. Was
schließen wir daraus? Wir richten keine Geburtstagsfeiern mehr aus und schaffen
alle Hunde ab. Nein. Im Ernst: Ich würde gerne eine sachliche Diskussion zum
Thema energetische Modernisierung führen und tatsächlich die Vor- und Nachteile,
die Wirtschaftlichkeit und die Ökologie der Dämmstoffproduktion bis zum Recycling
diskutieren, um als Bauingenieur vernünftig beraten zu können.
Doch dafür brauchen wir belastbare Zahlen, die man in eine gesunde Relation rückt.
Wir haben damals im Studium gelernt, dass man bei der Produktion von Waren in
Kauf nimmt, dass eine bestimmte Menge der Produkte Fehler haben darf. Denn das
perfekte Produkt, das hundert Prozent fehlerfrei ist, gibt es einfach nicht. Oder
anders herum: Wenn es dieses Produkt geben würde, wäre es so teuer, dass es
niemand kaufen könnte. Das heißt im Umkehrschluss: Wenn eine 45-Minuten-
Reportage über die Gefährlichkeit von Wärmedämmung sehr viele alte Bilder und
Szenen zeigt und immer wieder dieselben zwei, drei Architekten zu Wort kommen
lässt, dann heißt das im Klartext, dass bei einer Wärmedämmung die Fehlerquote
fast bei Null liegt. Das ist ein 1-A-Zertifikat. 

 

Es gibt immer wieder die Behauptung, Wärmdämmung würde sich nicht rechnen.
Das sagen aber nur Leute, die noch nie nachgerechnet haben. Es ist für eine
aufgeklärte Welt unglaublich, dass man einem der wenigen Produkte, das sich
tatsächlich rechnet, nachsagt, es würde sich nicht rechnen. Genauso, wie auch in
der Sendung von gestern Abend fast die Hälfte der Sendezeit über die
Wohnungslüftung gesprochen wurde (offenbar hatte man tatsächlich zu wenig
Negatives über Wärmedämmung zusammentragen können, und musste noch ein
weiteres Fass aufmachen). Die aberwitzige Floskel, dass eine Fassadendämmung
das Haus dicht machen würde und man deshalb eine Lüftungsanlage brauche,
wurde in technisch absurde Zusammenhänge gestellt und von einem Architekten so
kommentiert, dass dies vielleicht Tante Martha glaubt – technisch versierte
Menschen schütteln nur den Kopf.
Das einzige Thema, das man tatsächlich diskutieren muss, ist die Sache mit den
Algen. Auf gedämmten Fassaden können sich Algen bilden. Das vorliegende
Zahlenmaterial und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen sind aber meines
Erachtens zu wenig, um eine Pauschalaussage gegen Wärmedämmung treffen zu
können. Hier würde ich mich sehr gerne auf eine sachliche Diskussion einlassen. 

 

Doch bereits an dieser Stelle muss Folgendes betont werden: Genauso, wie es
ungespritzte Äpfel gibt, kann man auch biozidfreie Fassadendämmsysteme kaufen.
In unserer Kleidung, im Haarschampoo und vermutlich noch in Millionen anderen
Produkten steckt aus unterschiedlichen Gründen sehr viel Chemie. Wollen wir
wirklich alles dies verteufeln? Wann kommt die Reportage “Wahnsinn Wintermantel?” Denn Wintermäntel brennen auch. Und bei irgendeiner Silvesterfeier
wird sich schon einer irgendwo entzünden. 

 

Dipl.-Ing. Ronny Meyer

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